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B03-06 – Komm, geh mit uns ein Stück des Weges

Inhaltsverzeichnis

Manches versteht man nicht, wenn man es nur liest.

Manches muss man erleben. – Manchmal muss man einem Menschen zuhören. – Manchmal muss man eine Geschichte hören. –  Manchmal muss man einfach eine Weile still sein. Und manchmal muss man einen Weg gehen, bevor man versteht, wohin er führt.

Manchmal beginnt eine Geschichte ganz anders, als man denkt.

Stell dir einen Menschen vor, der einen langen Weg hinter sich hat. Er hat eine Idee. Er möchte etwas tun. Vielleicht möchte er Menschen helfen. Vielleicht möchte er eine Gruppe aufbauen. Vielleicht möchte er ein Projekt entwickeln. Und irgendwann trifft er auf eine Organisation, von der er glaubt:

Hier könnte meine Idee einen Platz finden.

Er kommt also nicht mit leeren Händen. Er bringt seine Erfahrungen mit. Er bringt seine Vorstellungen mit. Und natürlich bringt er auch seine Erwartungen mit. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wenn Menschen zusammenkommen, bringen sie immer etwas mit. Der eine denkt:

„Ich habe eine Idee.“

Der andere denkt:

„Vielleicht können wir diese Idee gemeinsam weiterentwickeln.“

Und zunächst scheint alles ganz einfach. Man spricht miteinander. Man erklärt, wie die Organisation arbeitet. Man erzählt von den Grundsätzen. Man spricht über Freiwilligkeit, Eigenverantwortung, Zusammenarbeit und darüber, dass NADEUM-WIKO Wissen, Orientierung und Strukturen vermittelt. Und man glaubt:

Die Botschaft ist angekommen.

Doch irgendwann kommt eine Situation, in der man merkt: Wir haben zwar über dasselbe gesprochen – aber wir haben es offenbar nicht ganz gleich verstanden.

Vielleicht sitzt der Wanderer jetzt am Tisch.

Er hat seine Idee mitgebracht. Und plötzlich steht eine Frage im Raum:

Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür?

Ist es ein Projekt von NADEUM-WIKO? Oder ist es eine eigene Idee eines Menschen, der bei NADEUM-WIKO freiwillig mitarbeitet? Ist eine Funktion innerhalb des Vereins automatisch mit finanziellen Ansprüchen verbunden? Oder bedeutet freiwillige Mitarbeit zunächst einmal genau das, was das Wort sagt:

Ich stelle meine Zeit, meine Erfahrung und meine Fähigkeiten zur Verfügung, um gemeinsam etwas zu entwickeln.

Das sind keine kleinen Fragen. Denn sobald Geld ins Spiel kommt, wird aus einer persönlichen Erwartung sehr schnell eine Frage des Vereins. Und dann reicht es nicht mehr zu sagen:

„Das haben wir doch schon besprochen.“

Deshalb braucht man manchmal eine warme Stube und einen großen Tisch.

Nicht unbedingt einen Tisch aus Holz. Aber einen Ort, an dem man sich zusammensetzt und miteinander spricht. Denn ein Verein besteht nicht nur aus guten Absichten. Er besteht aus Menschen. Und Menschen verstehen Dinge unterschiedlich. Das haben wir bei NADEUM-WIKO selbst erlebt. Eine Sache wurde mündlich erklärt. Die Erklärung war aus Sicht des HQ klar. Aber später zeigte sich:

Gehört worden war sie schon.
Nur als verbindliche Regel war sie offenbar nicht angekommen.

Und plötzlich wird aus einer einzelnen Situation eine wichtige Frage:

Wie können wir verhindern, dass dieselbe Diskussion immer wieder von vorne beginnt?

Die Antwort kann nicht sein, jedem neuen Menschen dieselbe Erklärung zehnmal persönlich zu geben. Denn irgendwann ist der Verein größer. Menschen kommen dazu. Andere übernehmen Funktionen. Zweigstellen arbeiten selbstständiger. Menschen wechseln. Und Erinnerungen verändern sich. Was heute für alle Beteiligten selbstverständlich erscheint, kann morgen bereits unterschiedlich verstanden werden. Also beginnt man aufzuschreiben. Nicht weil man den Menschen misstraut. Sondern weil man aus einer Erfahrung lernen möchte.

Und genau hier beginnt etwas Entscheidendes.

Ein Verein muss nicht jede Kleinigkeit in seine Statuten schreiben. Die Statuten sollen die grundlegende Struktur und den rechtlichen Rahmen bilden. Aber innerhalb dieses Rahmens entstehen im wirklichen Vereinsleben ständig neue Situationen. Eine davon hatten wir gerade. Eine andere kann morgen entstehen. Und irgendwann sagt jemand:

„Wir hatten doch schon einmal genau diese Frage.“

Dann ist es gut, wenn nicht nur jemand sagt:

„Ich glaube, damals haben wir das so besprochen.“

Sondern wenn man nachsehen kann:

„Ja. Das wurde damals beschlossen.“

Damit wird aus Erinnerung Dokumentation. Und aus Dokumentation entsteht Verlässlichkeit.

Aber jetzt kommt die nächste Schwierigkeit.

NADEUM-WIKO arbeitet nicht nur an einem Ort. – Menschen sitzen in Österreich. – Andere sitzen in Afrika. – Manche kennen sich persönlich. – Andere haben sich noch nie getroffen.

Manche sprechen Deutsch. Andere Englisch oder Französisch.

Manche haben jahrzehntelange Berufserfahrung. Andere beginnen gerade erst, ihren eigenen beruflichen und persönlichen Weg aufzubauen. Und trotzdem sollen sie gemeinsam arbeiten können. Das klingt zunächst einfach. Ist es aber nicht. Denn ein Wort kann übersetzt werden, ohne dass damit auch die Bedeutung vollständig übertragen wird. „Volunteer“ kann für den einen bedeuten:

„Ich arbeite freiwillig mit.“

Für einen anderen kann es vielleicht bedeuten:

„Ich arbeite für eine Organisation und diese Organisation wird sich irgendwann um meine Bedürfnisse kümmern.“

Beide Menschen können dasselbe Wort verwenden. Und trotzdem etwas völlig anderes darunter verstehen. Genau deshalb haben wir bei NADEUM-WIKO begonnen, Dinge genauer zu formulieren.

Nicht nur die Sprache. – Auch Rollen. – Zuständigkeiten. – Anträge. – Entscheidungen. – Beschlüsse. – Dokumentation. Und die Frage:

Was ist eigentlich NADEUM-WIKO – und was ist die eigene Verantwortung eines Mitglieds oder Partners?

Denn NADEUM-WIKO möchte etwas anderes sein als eine Organisation, die Menschen ihre Probleme abnimmt.

Wir möchten Wissen weitergeben. Wir möchten Menschen helfen, ihre eigenen Fähigkeiten zu erkennen. Wir möchten gemeinsam Ideen entwickeln. Wir möchten zeigen, wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein Projekt werden kann.

Aber wir möchten nicht an die Stelle der Menschen treten, die dieses Projekt später selbst tragen müssen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein Enabler ermöglicht.
Er übernimmt nicht das Leben des anderen.

Vielleicht ist genau das manchmal schwieriger zu verstehen als eine finanzielle Unterstützung. Denn Geld kann eine Sache sehr schnell lösen. Wissen kann dagegen einen viel längeren Weg eröffnen. Und genau diesen längeren Weg möchten wir gehen.

Und irgendwann muss der Weg dort ankommen, wo die Menschen selbst leben.

Nicht alles kann aus Wien kommen. Nicht jede Entscheidung kann im HQ getroffen werden. Nicht jede Frage kann immer an den Präsidenten zurückgegeben werden. Denn wenn eine Organisation wachsen soll, muss sie auch lernen, Verantwortung weiterzugeben. Das bedeutet nicht:

„Macht einfach, was ihr wollt.“

Es bedeutet:

„Lernt, wie man gemeinsam entscheidet.“

Eine Branch braucht deshalb nicht nur Menschen mit guten Ideen. Sie braucht auch die Fähigkeit, miteinander zu diskutieren, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, Anträge zu formulieren, Entscheidungen zu treffen, Beschlüsse zu schreiben und anschließend auch danach zu handeln. Das ist keine Bürokratie um der Bürokratie willen.

Es ist eine Form von gemeinsam übernommener Verantwortung.

Und vielleicht ist genau hier die eigentliche Geschichte von NADEUM-WIKO.

Wir haben nicht alle diese Regeln deshalb geschaffen, weil wir von Anfang an wussten, dass wir sie brauchen. Viele Dinge haben wir erst verstanden, weil etwas passiert ist. Eine Situation hat eine Frage aufgeworfen. Eine Frage hat eine Diskussion ausgelöst. Eine Diskussion hat unterschiedliche Sichtweisen sichtbar gemacht. Und irgendwann wurde klar:

Hier brauchen wir eine eindeutige Regel.

Dann entsteht ein Beschluss. Nicht als Strafe. Nicht als Misstrauen. Sondern als Ergebnis eines Lernprozesses.

Aus Erfahrung wird Erkenntnis.

Aus Erkenntnis kann eine Regel entstehen. Aus einer Regel entsteht Orientierung. Und wenn die nächste Generation von Mitgliedern kommt, muss sie vielleicht nicht mehr denselben Umweg gehen.

Das ist der Sinn von Dokumentation.

Nicht die Vergangenheit festzuhalten, damit niemand mehr etwas verändern darf. Sondern die Vergangenheit festzuhalten, damit wir wissen, warum wir heute etwas anders machen.

Vielleicht fragst du dich jetzt:

Warum erzählen wir dir das alles?

Weil du vielleicht gerade selbst vor einer ähnlichen Situation stehst. Vielleicht hast du eine Idee. Vielleicht möchtest du etwas verändern. Vielleicht möchtest du mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Vielleicht suchst du eine Organisation, die dir dabei hilft. Dann möchten wir dir nicht einfach sagen:

„Hier sind unsere Regeln. Lies sie.“

Wir möchten dir lieber sagen:

Komm und schau, warum diese Regeln entstanden sind.

Denn hinter jeder guten Regel kann eine Geschichte stehen. Hinter einem Beschluss kann eine Erfahrung stehen. Hinter einem Fehler kann eine Erkenntnis stehen. Und hinter einer schwierigen Situation kann manchmal etwas entstehen, das später vielen Menschen hilft.

Vielleicht sitzt du gerade selbst an einem Tisch.

Vielleicht in Österreich. Vielleicht in Kenia. Vielleicht in der Demokratischen Republik Kongo. Vielleicht ganz woanders. Und vielleicht diskutierst du gerade mit anderen Menschen über eine Idee. Dann stelle dir einmal selbst ein paar Fragen:

Was wollen wir eigentlich erreichen?  Wer trägt dafür die Verantwortung?  Was erwarten wir voneinander? Was können wir selbst beitragen? Was brauchen wir wirklich? Was müssen wir noch lernen?

Und vielleicht kommt irgendwann die wichtigste Frage:

„Haben wir das eigentlich gemeinsam so beschlossen – oder nehmen wir nur an, dass es so sein soll?“

Genau dort beginnt Vereinsentwicklung.

Nicht dort, wo alles bereits perfekt geregelt ist. Sondern dort, wo Menschen bereit sind, gemeinsam zu erkennen:

Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was müssen wir verändern?

Und:

Was können wir aus dieser Erfahrung für die Zukunft lernen?

Vielleicht ist das der Weg, den wir meinen.

Nicht den Weg von Wien nach Afrika. Nicht den Weg von einem Büro zu einem anderen. Sondern den Weg von der Erfahrung zur Erkenntnis. Von der Erkenntnis zur Verantwortung. Von der Verantwortung zur gemeinsamen Entscheidung. Und von der gemeinsamen Entscheidung zu einer Arbeitsweise, die auch für diejenigen funktioniert, die morgen zu uns kommen.

Komm, geh mit uns ein Stück des Weges.

Du musst nicht dieselbe Meinung haben wie wir. Du musst auch nicht alles sofort verstehen. Vielleicht hast du sogar eine andere Erfahrung gemacht. Dann erzähl uns davon. Denn vielleicht lernen wir gerade dadurch etwas, das wir bisher noch nicht verstanden haben. Und vielleicht entsteht aus deinem Gedanken wieder eine neue Erkenntnis. Vielleicht eine neue Idee. Vielleicht eine neue Frage. Vielleicht sogar eine neue Regel. So bleibt ein Verein lebendig.

Und vielleicht ist das am Ende der wichtigste Gedanke hinter allem, was wir auf diesen Seiten geschrieben haben:

Wir wollen nicht behaupten, dass wir bereits alles wissen.
Wir wollen gemeinsam immer besser herausfinden, was funktioniert.

Komm.

Geh mit uns ein Stück des Weges.

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